OFFENER BRIEF AN ANNETTE SCHAVAN
von Matthias Burr
Stuttgart, 20.Oktober 2008
» Studiengebühren, Angstzustände, Reformmaßnahmen «
Guten Tag Frau Schavan,
die Idee, Ihnen zu schreiben kam mir beim Studieren der »taz« vom 20. Oktober. Durch die Aussage des Artikels »Studiengebühren schrecken Schüler« gewann ich den Eindruck, dass der bevorstehende Bildungsgipfel nun auf einer mehr oder weniger zwiespältigen Ebene stattfinden wird und dass Sie wohl an dieser Spaltung nicht ganz unbeteiligt sind. Wie kann das von Ihnen befürchtete Scheitern des Bildungsgipfels verhindert werden, wenn Sie den Parteien und Beteiligten wichtige Informationen unterschlagen? Informationen, die darlegen, dass bereits 2006 18.000 junge Leute kein Studium aufnehmen wollten, da sie die Studiengebühren fürchteten. Dass unter Abiturienten eine kollektive Angst vor Bildungsentzug besteht; die Studentenzahlen fortwährend sinken, obgleich die Zahl der Studienberechtigten erheblich steigt. Die Empörung über Ihr Verhalten spielt sich nicht nur in den Reihen des Parlaments oder der Koalition ab: Viele Menschen bewegt die Frage, ob sich durch das große Zusammentreffen am kommenden Mittwoch überhaupt noch klare Lösungen erarbeiten ließen. Ihre persönlichen, klaren Vorstellungen bezüglich des Bildungsgipfels sind »konkrete Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern» - schade nur, dass nun genau diese Zielsetzung erheblich beeinträchtigt ist. Sie sprechen von »gesamtstaatlicher Verantwortung« - ich frage mich jedoch, worin Ihre eigene, persönliche Verantwortung den Menschen gegenüber besteht, die in der Bildung eine Chance zur Realisierung ihrer Ziele sehen. Sie sind der Ansicht, dass junge Menschen den Eindruck gewinnen könnten, »nur von Transferleistungen des Staates abhängig zu sein«. Indes bestehen seitens der jungen Menschen ganz andere Probleme: Dass sich durch die Geheimhaltung der Studienergebnisse, die Verbesserung des deutschen Bildungssystems – der grundlegende Diskussionsansatz am Mitt-woch – verschlechtern würde. Ich stelle mir durchaus die Frage, was Sie mit ihrem Handeln bewirken wollten. War es die Intention, einen reibungslosen Ablauf des Bildungsgipfels zu gewährleisten? Liegt das Problem eventuell ganz woanders? Sie selbst gehen der negativen Tendenz der Studie mit folgender Begründung aus dem Weg: «Die Zahl der jungen Menschen, die wegen Studiengebühren auf eine Hochschulausbildung verzichten, halte ich nicht für beträchtlich». Für außerordentlich beträchtlich halte ich jedoch die Gesamtbetrachtung des deutschen Bildungshaushaltes: Eine Statistik des 2. Bildungsberichtes über die Schulbildung der Gesamtbevölkerung bestätigt: 41,2% aller Schulabschlüsse in der Bundesrepublik sind Hauptschulabschlüsse, 20,7% erreichen den Mittleren Abschluss und 22,9% die Hochschulreife. Die Statistik artikuliert somit eine evidente Grundproblematik im deutschen Bildungssystem. Ich bin der Meinung, dass Sie den Verpflichtungen eines politischen, bildungsreformerisch agierenden Menschen nachkommen sollten, um diese klaren Missverhältnisse zu strukturieren und dadurch ein kollektiv zufriedenstellendes Ergebnis für die Gesellschaft schaffen. Sie haben sich in meinen Augen mit der Studien-Geheimhaltung keinen großen Gefallen getan und wollten vermeintlich dem Zielscheibenprinzip der öffentlich anprangernden Kritik entgehen. Schade ist, dass Sie bis dato keine persönliche Stellung hierzu bezogen haben. Dies lässt nur den Eindruck zu, dass Sie mit der Darlegung der jetzigen Verhältnisse überfordert sind und der Bildungsgipfel unter dem von Ihnen propagierten Motto »klarer Weg zum Ziel« nun einige Steine aus dem Weg zu räumen hat. Viele vertrauten darauf, dass durch Sie die angestrebten Veränderungen in der Bildungspolitik zum Tragen kommen würden. Ich frage mich jedoch, wie Sie diesen Knick in unserem Vertrauen nun wieder gerade bügeln wollen. Ausreichend Kapital für eine praktische Realisierung der Bildungsreformen steht in jedem Falle zur Verfügung: Den Entschluss, »sechs Milliarden Euro zusätzlich für die Qualifizierungsinitiative, aber auch für die Stärkung der frühkindlichen, sowie der beruflichen Bildung bis 2012« zu investieren, empfinde ich als nötige Investition in eine stabilere, auf Lösungen basierende Bildungspolitik. Durch sie wäre die Praxis der Maxime des Bildungsgipfels »Bildung für Alle« keine verwaschene Illusion mehr. Ich hoffe, dass das »Ergebnispapier« am Mittwoch, trotz der weiterhin unter Verschluss gehaltenen Studie, zu einem erträglichen Ergebnis für alle kommen wird. Die Gebührendebatte und die allgemeine Verunsicherung in unserem Staat wird wohl erst dann zum Ende kommen, wenn Politiker für eine zeitnahe Beseitigung dieser Probleme gesorgt haben.
Hochachtungsvoll
Matthias Burr
hi mitstreiter und Leidgenossen
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Ansonsten findet ihr hier alle Infos zu Aktionen an der HAW, in Hamburg und Deutschend weit, sowie dem aktuellen Stand des Kampfes gegen die schrittweise Ökonomisierung des gesamten Bildungssystems in unserem Land.
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Mittwoch, 22. Oktober 2008
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